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3 Lage und Geschichte der Stadt Alsfeld und ihrer Kirchen

3 Lage und Geschichte der Stadt Alsfeld und ihrer Kirchen

 

Der geschichtliche Abriss beschränkt sich auf das Mittelalter und legt seinen Schwerpunkt auf Fragen, die in Bezug auf die Kirchengeschichte interessant sind.

Im Tal der Schwalm liegt die Stadt Alsfeld, die vermutlich schon im 9. Jahrhundert als karolingischer Hofsitz gegründet wurde,8 wie die Reste einer Burganlage vermuten lassen. Urkundlich erwähnt wurde Alsfeld in den Jahren 1069 und 1076,9 vor 1180 dürfte der Ort bereits das Markt- und Münzrecht besessen haben.10 Alsfeld lag verkehrsgeographisch günstig an der Kreuzung der Niederrheinischen Straße und der Straße „Durch die Kurzen Hessen“.11  Die Niederrheinische Straße führte aus dem Siegerland heran, die Straße „Durch die Kurzen Hessen“  verlief von Frankfurt über Friedberg, Grünberg, Alsfeld, Hersfeld durch das Gebiet des heutigen Thüringen nach Leipzig und verband somit die wichtigsten Messestädte des Mittelalters.12 Mit den weiträumigeren wirtschaftlichen Außenbeziehungen ging sicherlich auch ein Kulturtransfer einher.

Die Straße „Durch die Kurzen Hessen“ lief, durch das Mainzer Tor kommend, in nordöstlicher Richtung durch Alsfeld. Sie wurde im Stadtgebiet durch eine weitere Fernstraße gekreuzt. Diese querte die Stadt in nordwestlicher Richtung, durch das Fulder Tor kommend, und verließ die Stadt am Obertor. Sie führte über Treysa und Fritzlar in Richtung Kassel.13 Der Verlauf der Straßen und der mittelalterliche Siedlungskern lassen sich noch heute im Stadtbild erkennen (Abb. 2).
Die Walpurgiskirche lag direkt an der Straße „Durch die Kurzen Hessen“. Sie ist, wie ihre Vorgängerbauten, nicht geostet, sondern in nordöstlicher Richtung ausgerichtet, dem Straßenverlauf folgend. Um die Kirche herum lag der mittelalterliche Friedhof der Stadt,14 im Norden des Kirchplatzes das Beinhaus. Das Gelände fällt sowohl von Nord nach Süd als auch von West nach Ost ab.

 
 
Gesamtanlage der historischen Altstadt
Abb. 2: Gesamtanlage der historischen Altstadt [+]

Zu Ende des 12. Jahrhunderts unterstand Alsfeld den thüringischen Landgrafen, die den strategisch günstig gelegenen Ort ausbauten.15

Die älteste bekannte Erwähnung Alsfelds als Stadt findet sich in einer Urkunde vom 13. März 1222.16 Spätestens 1233 hatte Alsfeld eine eigene Pfarrei, in einer Urkunde wird als Schriftführer und Zeuge ein Johannes plebanus de Ailesvelt erwähnt.17
Am 16. Februar 1247 starb der thüringische Landgraf Heinrich Raspe, mit ihm erlosch die Linie der thüringischen Landgrafen im Mannesstamm.18 Am 19. März 1247 stellte das Mainzer Stift St. Jakob eine Urkunde aus, in der es geltend machte, „daß die Stadt Alsfeld von Alters her und von Rechts wegen ihnen gehört habe, doch sei dieses Recht seit geraumer Zeit von einigen Landgrafen in der Stadt selbst gestört worden.“19 Gleichzeitig trat das Kloster sein Recht über die Stadt, das Patronat und alle Einkünfte an den Erzbischof von Mainz ab.20 Die Urkunde wurde von der älteren Literatur als Fälschung abgetan,21 doch begründet Jäkel plausibel, dass Mainz einen rechtmäßigen Anspruch auf Alsfeld gehabt habe.22 Die Übertragung war aber nur von kurzer Dauer oder unwirksam, denn es war das Jakobsstift, das 1276 einen Stiftskanoniker als Pfarrer zu Alsfeld präsentierte.23 Allerdings wurde der ordnungsgemäß präsentierte und investierte Geistliche noch einmal vom Erzbischof bestätigt, woraus Classen schließt, dass er in seinem Recht angegriffen worden sei,24 wahrscheinlich vom Landgrafen Heinrich I. von Hessen.25 Der Streit scheint vor 1311, vielleicht 1292, durch einen Vergleich beigelegt worden zu sein, das Stift St. Jakob verzichtete auf seine Rechte.26 Seit 1331 erscheinen dann die Landgrafen urkundlich als Patrone der Alsfelder Kirche.27

Kirchenrechtlich gehörte der oberhessische Raum im Mittelalter zum Bistum Mainz. Das Gebiet war in Archidiakonate gegliedert, diese wiederum in Dekanate und ähnliche Kleinbezirke.28 Alsfeld war einer der siebzehn Sendbezirke des Dekanats Amöneburg, das zum Archidiakonat von St. Stephan in Mainz gehörte. Die Sendbezirke, die sedes, wurden im Rahmen von Visitationen von erzbischöflichen Kommissaren besucht. Der Pfarrei Alsfeld waren zahlreiche kleinere Orte der Umgebung zugehörig.29

Ende des 13. Jahrhunderts ließen sich die Augustiner-Eremiten in Alsfeld nieder.30 Sie erbauten ihre Kirche, wie für Bettelorden üblich, in der Nähe der Stadtmauer. Das Kloster lag im Südwesten der Stadt nahe dem Mainzer Tor (Abb. 2).
Eine Blütezeit erlebte die Stadt ab der Mitte des 14. Jahrhunderts. Die Stadt-befestigung wurde ausgebaut, 1350 wurde ein steinernes Pfarrhaus errichtet, der Friedhof um 1356 vor die Stadt verlegt.31 In diesem Zusammenhang sind auch umfangreiche Umbaumaßnahmen an der Walpurgiskirche zu sehen. 1393 wurde mit dem Bau des spätgotischen Hochchores begonnen, 1394 mit der Wiedererrichtung des teilweise zusammengebrochenen Turmes.
Auch der Kernbau der Kirche der Augustiner-Eremiten entstand in der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts. Er umfasste drei Joche und den abschließenden Chor mit 5/8-Schluss. Zwischen 1415 und 1436 wurde das Schiff verlängert und ein nördliches Seitenschiff angebaut,32 so dass eine asymmetrische Halle entstand, eine verbreitete Bauform hessischer Bettelordenskirchen.

Die Stadt Alsfeld litt jedoch zunehmend unter Zahlungsverpflichtungen gegenüber den Landgrafen. Da Verbindlichkeiten nicht eingehalten werden konnten, wurde 1418 die Reichsacht über Alsfeld verhängt.33 Mit den wirtschaftlichen Problemen geriet wohl auch der Kirchenbau ins Stocken.

Die Reformation hielt 1526, nach der Homberger Synode, Einzug in Alsfeld. Die Walpurgiskirche wurde zur evangelischen Stadtkirche umgewandelt. Die Kirche der Augustiner-Eremiten wurde von 1662 bis 1664 renoviert und 1664 als Dreifaltig-keitskirche geweiht.34 Sie ist heute die zweite evangelische Pfarrkirche der Stadt.

 
 
 

Literatur- und Quellenverzeichnis

Ebel 1894. Ebel, Carl: Regesten zur Geschichte der Stadt Alsfeld, in: Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins, N.F. 5, 1894, S. 102-138

Würdtwein 1777. Würdtwein, Stephan A.: Dioecesis Moguntina in Archidiaconatus distincta et commentationibus diplomaticis illustrata, 3 Bde., Mannheim 1769-77, Bd. 3, 1777

Wyss 1879. Wyss, Artur: Hessisches Urkundenbuch, Abt. 1, Urkundenbuch der Deutschordensballei Hessen, 3 Bde., Leipzig 1879-1899 (Publikationen aus den Königlich-Preußischen Staatsarchiven; Bd. 3. 19. 73), Bd. 1, 1879

Classen 1929. Classen, Wilhelm: Die kirchliche Organisation Althessens im Mittelalter. Samt einem Umriß der neuzeitlichen Entwicklung, Marburg 1929 (Schriften des Instituts für geschichtliche Landeskunde von Hessen und Nassau, Bd. 8)

Galéra 1974. Galéra, Karl S. von: Die Geschichte der Stadt Alsfeld. Von den Anfängen bis zum Ende des Siebenjährigen Krieges, Alsfeld 1974

Jäkel 1972 (1). Jäkel, Herbert: 13. März 1222, in: Festschrift zur 750-Jahr-Feier der Stadt Alsfeld, Alsfeld 1972, S. 51-52

Jäkel 1972 (2) Jäkel, Herbert: Zur Frühgeschichte Alsfelds. Gedanken – Deutungen – Aufgaben, in: Festschrift zur 750-Jahr-Feier der Stadt Alsfeld, Alsfeld 1972, S. 23-40

Kögler 1992. Kögler, Johannes: Die evangelische Pfarrkirche von Geiß-Nidda, in: Wetterauer Geschichtsblätter, 41, 1992, S. 5-45

Rothmann 2001. Rothmann, Michael: Zur regionalen Identität einer Durchgangslandschaft – Nordhessen in der mittelalterlichen Wirtschaft, in: Nordhessen im Mittelalter, hrsg. von Ingrid Baumgärtner, Marburg 2001, S. 213-230

Soldan 1861/1862. Soldan, Wilhelm G.: Zur Geschichte der Stadt Alsfeld, in: Programm des Großherzoglich hessischen Gymnasiums zu Gießen, 2 Teile, Gießen 1861-1862, Teil 1, 1861, S. 1-46, Teil 2, 1862, S. 1-48

Zietz 2002. Zietz, Peer: Stadt Alsfeld, Stuttgart 2002 (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland : Kulturdenkmäler in Hessen : Vogelsbergkreis, Bd. 1)


Anmerkungen und Abbildungsverzeichnis

8 Zietz 2002, S. 22
9 Jäkel 1972 (2), S. 37
10 Jäkel 1972 (2), S. 36
11 Rothmann 2001, S. 224
12 Rothmann 2001, S. 220
13 Galéra 1974, S. 6
14 Galéra 1974, S. 7
15 Zietz 2001, S. 22
16 Jäkel 1972 (1), S. 51-52
17 Wyss 1879, Nr. 37
18 Jäkel 1972 (2), S. 25
19 Würdtwein 1777, S. 278, Nr. 187, Jäkel 1972 (2), S. 23
20 Würdtwein 1777, S. 279, Nr. 188, Jäkel 1972 (2), S. 23
21 Soldan 1861, S. 12-13
22 Jäkel 1972 (2), S. 27
23 Classen 1929, S. 83
24 Classen 1929, S. 83, Anm. 13
25 Jäkel 1972 (2), S. 26
26 Classen 1929, S. 83
27 Ebel 1894, S. 104, Nr. 4
28 Kögler 1992, S. 6
29 Classen 1929, S. 81
30 Zietz 2002, S. 120. Nach Dehio-Cremer I 2008, S. 12 wurde das Kloster der Augustiner-Eremiten in Alsfeld wohl 1244 gegründet. Gegen diese Frühdatierung spricht jedoch, dass die Augustiner-Eremiten erst 1256 durch die Vereinigung älterer italienischer Eremitengemeinschaften entstanden (Elm 2009, Sp. 1220-1221). Das Datum 1244 ist daher für die Ansiedlung der Alsfelder Augustiner-Eremiten nicht zu halten. Es beruht, wie schon Großmann 1960 erkannt hat, auf der Aussage des spätmittelalterlichen Frankenberger Chronisten Wigand Gerstenberg. (Großmann 1960, S. 20)
31 Soldan 1861, S. 36
32 Zietz 2002, S. 122
33 Soldan 1862, S. 22-23
34 Zietz 2002, S. 122

 
 
Abb. 2: Zietz 2002.

 

Zitiervorschlag:
Schmelz, Annette (2008): „Walpurgiskirche
Alsfeld“, in:  www.urbs-mediaevalis.de/pages/staedtetopographie/bull-staedte-a/alsfeld/kirchplatz-1.php

Autorengruppe: Studentin / Studentletzte Aktualisierung dieser Seite: 07. Juni 2019
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